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Research and Innovation

Europas versteckte Armut aufdecken

Millionen Europäerinnen und Europäer kommen nicht mit ihren Einkünften über die Runden, obwohl sie Arbeit haben. Um dieses komplexe Problem besser zu verstehen, wurden im Rahmen der umfassenden EU-finanzierten Studie WorkYP sieben europäische Länder untersucht, die jeweils eine andere Region und ein anderes Sozialmodell repräsentieren. Zu den Ergebnissen zählen wichtige politische Empfehlungen zur Bekämpfung von trotz Erwerbstätigkeit bestehender Armut.

©Koto Amatsukami # 375512723 | source: stock.adobe.com

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Seit Jahrzehnten steigt der Anteil der Menschen, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind, obwohl sie erwerbstätig sind, kontinuierlich an. Dieser Anstieg beeinträchtigt die wirtschaftliche Stabilität, den sozialen Zusammenhalt und das Konzept der Unionsbürgerschaft an sich. Das Team von WorkYP hat im Verlauf seiner dreijährigen Tätigkeit die Wurzeln des Übels erkundet.

„Wir wollten verstehen, warum sich die Armut trotz Erwerbstätigkeit in unseren Arbeitsmärkten festgesetzt hat, und politische Ansätze prüfen“, sagt Projektkoordinator Luca Ratti, außerordentlicher Professor für Europäisches und Vergleichendes Arbeitsrecht an der Universität Luxemburg. „Wenn eine von zehn Arbeitskräften ‚erwerbstätig arm‘ ist, dann ist etwas grundlegend falsch.“

Die Bekämpfung der Armut trotz Erwerbstätigkeit ist in der Europäische Säule sozialer Rechte verankert, um sicherzustellen, dass alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer faire und angemessene Löhne sowie einen angemessenen Schutz bei allen Arten von Beschäftigung erhalten.

Um dieses bisher wenig erforschte (und in einigen EU-Mitgliedstaaten nicht anerkannte) Phänomen zu beleuchten, hat das WorkYP-Projektteam ein Gemeinschaftsunternehmen aus elf Partnern zusammengestellt. „Vor 2020 gab es nur wenige Diskussionen über Armut trotz Erwerbstätigkeit, sodass das gesellschaftliche Ziel darin bestand, für dieses Thema zu sensibilisieren, während das wissenschaftliche Ziel lautete, eine vergleichende rechtliche Analyse zur Bekämpfung der Erwerbstätigenarmut durchzuführen“, erklärt Ratti.

Über einen Zeitraum von drei Jahren stellte das Projektteam Beobachtungen in Belgien, Deutschland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Polen und Schweden an, wobei jedes Land mit seiner eigenen geografischen Lage, seinem Sozialsystem und seiner Rechtsordnung Berücksichtigung fand. Der Schwerpunkt verlagerte sich von den allgemeinen Arbeitsmarkttrends, die in früheren Studien untersucht worden waren, auf die Bestimmung spezifischer gefährdeter Gruppen, wobei sich eine besorgniserregende Realität offenbarte.

„Bei gefährdeten und unterrepräsentierten Personen werden die geltenden Arbeitsgesetze und Arbeitsschutzbestimmungen außer Acht gelassen, und sie sind unverhältnismäßig stark von Armut trotz Erwerbstätigkeit betroffen“, berichtet Ratti. „Wir wollten verstehen, was das Gesetz für sie leistet, denn ein System, das nicht 100 % der Menschen, für die es gedacht ist, schützen kann, wird für alle EU-Bürgerinnen und -Bürger zum Problem.“

Ungleichheiten und Geschlechterparadoxon

Bei der Forschungsarbeit wurden kritische Lücken im Arbeitsschutz bei niedrig entlohnten Beschäftigten in Sektoren wie etwa dem Tourismus und dem Baugewerbe sowie bei Selbstständigen aufgedeckt, die über keinerlei soziale Sicherheitsnetze verfügen. Hier deutet sich an, dass die Gesetzgebung bestimmte Gruppen von Arbeitskräften nicht schützt.

Die Arbeit von WorkYP ergab außerdem erhebliche Unterschiede in den Erwerbsarmutsquoten unter benachbarten Ländern auf: In Luxemburg leben fast 14 % der erwerbstätigen Bevölkerung in Armut, in Belgien sind es 5 %. Zudem wurde im Zuge des Projekts das geschlechtsspezifische Paradoxon deutlich, dass Frauen bei der Bewertung des Haushaltseinkommens häufig oberhalb der Armutsgrenze erscheinen, jedoch einzeln betrachtet in Armut leben.

Workshops in den sieben Ländern trugen dazu bei, die realen Erfahrungen der von Erwerbstätigenarmut Betroffenen zu beleuchten und die Studie mit qualitativen Daten zu bereichern. Dank dieser wichtigen Veranstaltungen konnten vor Ort wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden, die in die Forschungsarbeit des Projekts einflossen.

Politische Empfehlungen und Auswirkungen

Diese Ergebnisse haben bei Verantwortlichen der Politik und in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregt, wobei eine längst überfällige Diskussion über Armut trotz Erwerbstätigkeit ausgelöst wurde. Außerdem wurde in den Empfehlungen die Notwendigkeit ganzheitlicher Maßnahmen zur Verbesserung der Situation hervorgehoben.

Auf der WorkYP-Abschlusskonferenz wurden diese Vorschläge dem EU-Kommissionsmitglied für Beschäftigung und soziale Rechte, Nicolas Schmit, und dem UN-Berichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte, Olivier De Schutter, vorgelegt. Zu den Empfehlungen zählen die Stärkung der sozialen Sicherungssysteme zum Schutz der Selbstständigen, die Umsetzung solider Mindestlohngesetze und die Bereitstellung gezielter finanzieller Unterstützung für Haushalte in Schwierigkeiten, wobei das Ziel darin besteht, das Vertrauen der EU-Bürgerinnen und -Bürger in die öffentliche Governance wiederherzustellen.

Das Projekt WorkYP endete im Januar 2023, aber sein Vermächtnis besteht weiter. Die Arbeit des Teams hat die wissenschaftliche Debatte in einer noch nie dagewesenen Weise durchdrungen und bei europäischen und internationalen Forschenden und Verantwortlichen der Politik eine weit verbreitete Aufmerksamkeit für Erwerbsarmut ausgelöst, die es zuvor nicht gab. Allein im Rahmen des Projekts wurden mehr als 3 000 Seiten schriftliches Material, zwei Bücher und über 40 wissenschaftliche Beiträge in hoch angesehenen Fachzeitschriften auf europäischer und nationaler Ebene veröffentlicht.

Es mag langwierig und schwierig sein, den dramatischen Anstieg und das Fortbestehen der Armut trotz Erwerbstätigkeit in ganz Europa zu bekämpfen, aber das Team von WorkYP hat sowohl auf öffentlicher als auch auf politischer Ebene mit Erfolg das Bewusstsein für dieses Problem geschaffen und die Instrumente bereitgestellt, um an seiner Lösung zu arbeiten.

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Einzelheiten zum Projekt

Kurztitel des Projekts
WorkYP
Projekt-Nr.
870619
Projektkoordinator: Luxemburg
Projektteilnehmer:
Belgien
Deutschland
Italien
Luxemburg
Niederlande
Polen
Schweden
Aufwand insgesamt
€ 3 244 294
EU-Beitrag
€ 3 244 294
Laufzeit
-

Siehe auch

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