PDF Basket
Die Migration ist insbesondere nach der Flüchtlingskrise von 2015 zu einem zentralen Thema der politischen Diskussionen in Europa geworden. Mit dem 2020 gestarteten Projekt QuantMig wurde das Ziel verfolgt, über die traditionellen Prognosemodelle hinauszugehen und dabei die Unsicherheit als ein Kernelement der Migrationsanalyse zu berücksichtigen. Anstatt zu versuchen, genaue Migrationszahlen vorherzusagen, konzentrierte sich das Team auf die Kartierung möglicher Szenarien und die Ermittlung von Risiken, um die Verantwortlichen der Politik mit besseren Instrumenten zur Vorbereitung auf unerwartete Ereignisse auszustatten.
„Migrationsprognosen sind oft durch jene Faktoren begrenzt, die wir nicht kennen. Das QuantMig-Team rückt diese Ungewissheit in den Mittelpunkt, womit die Verantwortlichen der Politik dabei unterstützt werden, sowohl die Wissenslücken als auch die praktischen Schritte zu verstehen, die sie in Richtung Risikominderung unternehmen können“, erklärt Projektkoordinator Jakub Bijak, Professor für statistische Demografie an der Universität Southampton.
Innerhalb von QuantMig wurden Möglichkeiten zur Modellierung von Migrationsszenarien und deren Auswirkungen auf Bevölkerungsgruppen und Arbeitskräfte in 31 europäischen Ländern erarbeitet und gleichzeitig Vertreibung auslösende Ereignisse wie Naturkatastrophen oder Konflikte analysiert, um die Krisenvorsorge zu verbessern.
Integrierte Forschung, intelligentere Strategie
Das Gemeinschaftsunternehmen vereinte sieben führende Institutionen sowie einen externen kanadischen Forschungspartner. Es wurde ein interdisziplinäres Fachleuteteam aus den Bereichen Demografie, Wirtschaftswissenschaft, Statistik und Migrationspolitik gebildet. Ihre Zusammenarbeit mündete in einem nahtlos integrierten Forschungsprozess, bei dem Datenanalyse, Szenarienentwicklung und politisches Engagement Hand in Hand gingen.
„Wir haben das Projekt auf eine Weise aufgebaut, dass jeder Forschungsstrang direkt in den anderen überging. Somit konnten wir sicherstellen, dass unsere Schätzungen vergangener und aktueller Migrationstrends direkt in unsere Modelle für zukünftige Szenarien einfließen“, erklärt Bijak.
Ungeachtet aller Herausforderungen im Zusammenhang mit COVID-19 gelang es im Zuge des Projekts, europaweit erfolgreich mit Verantwortlichen der Politik und Interessengruppen zusammenzuarbeiten. Zu den auf Öffentlichkeit und Reichweite abzielenden Aktivitäten gehörten interaktive Ressourcen für die Öffentlichkeit, Lehrmaterial zum Thema Migrationsunsicherheit und eine hochkarätige Abschlussveranstaltung in Brüssel mit dem Titel European migration and asylum scenarios for the future.
Auswirkungen auf Politik und Praxis
Die Projektarbeit fand über die akademische Welt hinaus Resonanz und konnte die Diskussionen innerhalb wichtiger europäischer Agenturen wie der EU-Asylagentur und Frontex beeinflussen. Die Erkenntnisse über Migrationsunsicherheit und -vorsorge wurden weithin anerkannt und trugen somit zu einem Wandel in der Herangehensweise an Migrationsprognosen bei.
Zu den Errungenschaften zählt die Einrichtung einer umfassenden europäischen Migrationsdrehscheibe, die hochwertige, frei zugängliche Daten zu Migrationsschätzungen, -politiken und -szenarien bereitstellt, die als Grundlage der zukünftigen Forschung und Entscheidungsfindung dienen. Zudem wurden die Ressourcen, die Forschenden und Verantwortlichen der Politik zur Verfügung stehen, durch die Hinterlegung offener Datendepots, von denen drei auf UN Migration Hub zu finden sind, weiterführend bereichert.
Mithilfe von Treffen und hochkarätigen Veranstaltungen für Fachleute, die führende Stimmen der Migrationsforschung zusammenbrachten, arbeitete das Projektteam Strategien für Migrationsherausforderungen, Unsicherheitsmanagement und Wissensaustausch heraus. Dabei bestand direkter Kontakt mit über 400 Verantwortlichen der Politik und 1 000 Forschenden, während Reichweite und Wirkung mithilfe von mehr als vierzig Konferenzen auf die Medien, die Zivilgesellschaft und die breite Öffentlichkeit ausgedehnt wurden.
Die Ergebnisse wurden über eine Reihe von Medien verbreitet, darunter acht Videos und Podcasts, fünf migrationsbezogene Datenbanken sowie eine Reihe von Bildungsressourcen, die jetzt in den freien Lehrmaterialien mit offener Lizenz mit der Bezeichnung Open Educational Resources Commons enthalten sind. Ein speziell entwickeltes Quiz zum Thema Migration und Unsicherheit regte die breite Öffentlichkeit zu Diskussionen über Migrationstrends an.
Langfristige Einblicke
In den Ergebnissen von QuantMig zeigt sich, wie wichtig eine bessere Datenerhebung und Planung von Migrationsszenarien ist. Das Team hofft, dass seine Arbeit als Inspiration für zukünftige Forschungs- und Politikinitiativen dienen wird, die auf seinem Ansatz aufbauen, um sicherzustellen, dass Europa auf die anstehenden Herausforderungen in Sachen Migration vorbereitet bleibt. „Beim Verständnis von Migration geht es nicht darum, genaue Zahlen zu ermitteln, sondern darum, sich auf das vorzubereiten, was möglicherweise eintritt. Wir haben dazu beigetragen, die Grundlage für eine fundiertere und flexiblere Reaktion auf die Migrationstrends der Zukunft zu schaffen“, fügt Bijak hinzu.
Im Rahmen des Projekts wurde auch ein frei zugängliches Buch veröffentlicht, das die komplexe Migrationsdynamik in ein für die Verantwortlichen der Politik und die Öffentlichkeit zugängliches Format bringen soll, um zu gewährleisten, dass die Erkenntnisse einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung stehen.
„Es gibt noch eine letzte Zutat zum Projekterfolg“, merkt Bijak an, „und das ist unser Einsatz von offener Wissenschaft. Wir gestalteten von Anfang an alles in offener Form, auch die endgültige Buchveröffentlichung, und das zahlt sich jetzt auf wunderbare Weise aus.“
