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Warum verlassen Menschen ihren Herkunftsstaat und suchen anderswo ein neues Leben? Die Antworten sind komplex, und pauschale Annahmen können ein tieferes Verständnis dafür verschleiern, wie und warum Migration stattfindet.
Im Rahmen des Projekts MIGNEX reiste ein Forschungskonsortium in zehn häufige Herkunftsstaaten, aus denen Migrantinnen und Migranten aufbrechen, darunter Afghanistan, Guinea, Nigeria, Somalia und die Türkei. Das Team gewann anhand umfangreicher Erhebungen in den lokalen Gemeinschaften ein evidenzbasiertes Verständnis der kausalen Zusammenhänge zwischen Migration und wirtschaftlicher Entwicklung.
„Die Idee des ‚Migrations-Entwicklungs-Nexus‘ besteht darin, dass Entwicklung die Migration beeinflusst und umgekehrt, und zwar auf vielfältige Weise“, sagt Jørgen Carling, Forschungsprofessor am Institut für Friedensforschung Oslo (PRIO). „MIGNEX ist ziemlich einzigartig, da es sich mit der Gesamtheit dieses Nexus befasst“, fügt er hinzu.
Die Projektergebnisse deuten darauf hin, dass Entwicklungsprozesse wie der Ausbau der Infrastruktur oder Verbesserungen der Lebensbedingungen, Einfluss darauf ausüben, ob Menschen abwandern oder lieber bleiben. Doch diese Zusammenhänge gestalten sich alles andere als einfach, wie Carling anmerkt: „Eine negative Einschätzung der lokalen Erwerbsmöglichkeiten führt häufig dazu, dass die Menschen wegziehen möchten. Gleichzeitig dämpft das tatsächliche Leben in Armut den Wunsch nach Migration.“
Umgekehrt beeinflusst Migration gleichermaßen die Entwicklung in den Herkunftsgemeinschaften, vor allem durch das in die Heimat geschickte Geld. Das Team von MIGNEX stellte fest, dass dieses Geld zu besserer Bildung für Kinder von Migrantinnen und Migranten beitragen kann, dass aber seinen Preis hätte. „Das Geld an sich kann zwar eine gute Sache sein, aber es ist oft die Folge der Abwesenheit eines Elternteils, was sich nach unseren Erkenntnissen negativ auf die Schulbildung auswirkt“, erklärt Carling.
Umfassende Erhebungen in lokalen Gemeinschaften
Die Forschungsarbeit umfasste Erhebungen in zehn Herkunftsstaaten. Das MIGNEX-Team befragte mehr als 12 000 Menschen in 26 Gemeinschaften in diesen Ländern, um den lokalen Charakter der Migrationsfaktoren und die sehr unterschiedlichen Erfahrungen der Gemeinschaften innerhalb desselben Landes zu berücksichtigen.
„Ein einzigartiger Aspekt innerhalb von MIGNEX ist, dass wir uns auf Gemeinschaften vor Ort und weniger auf Länder konzentrieren“, berichtet Carling. „Ein Großteil der Wechselwirkung zwischen Migration und Entwicklung gerät durcheinander, wenn wir uns auf Länder als Analyseeinheit verlassen.“
Das Team wählte Gemeinschaften aus, die ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Entwicklungskontexte repräsentierten, und befragte dann eine Zufallsstichprobe junger Erwachsener innerhalb jeder Gemeinschaft zu ihren Lebensgrundlagen, ihrer Bindung an die Gemeinschaft und ihren Migrationserfahrungen. „Es war uns wichtig, auf neuen Wegen Gedanken und Gefühle zum Thema Migration zu erfragen“, erklärt Carling.
Auf dem Weg zum Erfolg benötigte das Projektteam detaillierte, qualitativ hochwertige Daten, die nur in persönlichen Gesprächen zu gewinnen sind.
„Dies mit mehr als 12 000 Menschen an vielen schwierigen Orten zu bewerkstelligen, stellt schon an sich ein gewaltiges logistisches Unterfangen dar“, stellt Carling fest. „Und dann brach die Covid-19-Pandemie aus, gerade als wir anfingen.“
Unsichere Triebkräfte der Migration
Durch Anpassung seiner Arbeit gelang es dem Forschungsteam jedoch zu guter Letzt, die Daten fast vollständig wie geplant zu erfassen.
Die wichtigste Erkenntnis für Carling war, dass sich die Triebkräfte der Migration erstaunlich uneinheitlich und kontextabhängig darstellen. „Nachdem ich die Arbeit von MIGNEX geleitet habe, bin ich gegenüber jedem großen Narrativ darüber, warum Menschen abwandern, skeptisch“, bekräftigt er.
Die meisten der im Rahmen des Projekts untersuchten Faktoren förderten die Migration in einigen Kontexten und hemmten sie in anderen, wobei diese Erkenntnis nicht zuletzt dadurch zustande kam, dass der Projektschwerpunkt auf lokalen Gemeinschaften und nicht auf Ländern lag.
Im Zuge von MIGNEX wurde jedoch nachgewiesen, dass Korruption eine der wenigen universellen Ursachen für Migration bildet. „Erfahrungen mit Korruption scheinen das Vertrauen der Menschen darin zu schwächen, an ihrem derzeitigen Wohnort erfolgreich sein zu können“, fügt Carling hinzu.
Kontinuierliche wissenschaftliche Veröffentlichungen
Das Team von MIGNEX erstellte über achtzig Veröffentlichungen, darunter zehn Kurzdossiers. „Wir erhielten begeisterte Rückmeldungen über die von uns im Rahmen des Projekts erreichten Resultate sowie über den Wert des Fachwissens über Migrationsdynamik“, berichtet Carling.
Das Team arbeitet kontinuierlich an weiteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen, um die Wirkung des Projekts zu konsolidieren. „Ich persönlich arbeite außerdem an einem vom Europäischen Forschungsrat finanzierten Projekt mit, das auf MIGNEX aufbaut und darauf abzielt, die Gedanken und Gefühle der Menschen in Bezug auf eine mögliche Migration besser zu verstehen“, teilt Carling mit.
